Einige Jahrzehnte später sollten die Rolling
Stones zu ähnlichen Schlußfolgerungen kommen. Das Böse
- so wie es die Gesellschaft definierte - sollte Brian Jones, Keith
Richards und Mick Jagger als gehaltvoll, mysteriös und äußerst
verlockend erscheinen. Und der Rock & Roll sollte das perfekte
Medium sein, um ihm auf die Spur zu kommen. Denn, so singt Muddy
Waters, "der Blues gebar ein Kind, und man nannte es Rock
& Roll."
Auf der englischen Szene war das Rock & Roll-Fieber
in den späten fünfziger Jahren ausgebrochen. Damals waren
die Stones Jugendliche, und Mick, Keith und Brian wurden von dem Fieber
ebenso sehr gepackt wie ihre späteren Mitstreiter Bill Wyman
und Charlie Watts. In den frühen sechziger Jahren dann,
so erinnerte sich Keith, war die Luft raus aus dem Rock & Roll.
Die schärfste und zugleich eigenwilligste Musik fand man damals
auf jenen schwer zu beschaffenden Schallplatten des amerikanischen
Chess Labels: den Blues.
Mick und Keith lernten Brian in Englands erstem Blues-Club kennen,
dem Londoner Ealing Club. Die drei Musiker zogen zusammen in ein schäbiges,
kleines, billiges Apartment am Rande von Chelsea, spielten, redeten
über Musik, hörten Platten und übten was das Zeug hielt.
Sie erarbeiteten sich einen eigenen Blues-Stil und wurden so gut,
daß sie die beiden vielbeschäftigten Profis Charlie und
Bill überzeugen konnten mitzumachen. Brian nannte ihre neue Band
nach dem Muddy Waters Song »Rollin' Stone«, einer Bearbeitung
des traditionellen »Catfish Blues«: The Rolling Stones.
Wie die meisten anderen englischen Blues-Fanatiker waren die Stones
damals Beatniks, Ausgeflippte, ehemalige Studenten, die beschlossen
hatten, ihr Leben jenen heißgeliebten Platten mit dem blauen
Label aus Chicago zu widmen. Diese Musik war echt: Männer, die
sangen, bis sie heiser waren, und die den Gitarrensaiten solange ein
Stöhnen entlockten, bis ihre Finger bluteten.
Blues ist mehr als ein Musikstil, er ist eine Sprache, mit der
sich die gesamte Bandbreite der Gefühle ausdrücken läßt,
von Trauer über blinden Haß bis hin zu purer, wahnsinniger
Lust.
Das Geheule und Gekrächze, das Ziehen der Töne, die absichtlichen
Rhythmus- und Tempowechsel - all diese Techniken dienen dazu, Gefühle
zu wecken und auszudrücken. Je rauher das Gekrächze, je
gezogener die Töne, desto tiefer das Gefühl; die Ursprünge
dieser Musik liegen in Afrika, wo die gesprochene Sprache reich
an Tönen ist, und je tiefer ein Satz angestimmt wird, desto intensiver
das vermittelte Gefühl.
All das entdeckten die Stones, als sie diese Platten regelrecht zerpflückten.