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DAS AUGE IST IN DER WELT - DIE WELT IST IM AUGE
K. Bauch: 1960 Imago - in Philosophische Aufsätze,
München: Francke Verlag
Dieser bedeutungsvolle Satz fordert ein anderes Modell von Wahrnehmung.
Diese eigentümliche Verschränkung von Sehen und Gesehenem veranlasste
Diderot, deren Gründe aufzuspüren. War das Modell der SELBSTREFLEXION
dafür geeignet? Diderot wandelte es auf bedeutende Weise ab. Selbstreflexion
meint eine doppelte menschliche Befähigung: Zum Beispiel: Sehen und
sich selbst dabei zuzuschauen. Auch Husserl's intentionales Bewusstsein
verschränkt, was er intentio recta (Blick auf die Dinge) und
intentio obliqua (Blick auf dieses Sehen durch es selbst) nannte.
Diese ÜBERKREUZUNG vollzieht sich gleichsam am Rande der Welt.
Wer so auf sich selbst reflektiert, scheint über der erkannten Realität
zu schweben...
Diderot verpflanzt dieses selbstbezogene Tun in die Mitte der Welt zurück:
indem er den Akt des indirekten Sehens nicht auf das Sehen, sondern auf
den eigenen Körper richtet. Die Tragweite dieser Blickänderung
versteht man vermutlich erst dann, wenn man ihre empirische Basis berücksichtigt.
Jeder von uns hat sich selbst schon tausende Male so erfahren: z.B. die
eigene Hand betrachtend sieht er etwas, aber gleichzeitig auch sich selbst
in seiner körperlichen Präsenz, erfährt er sich zugleich
sehend und gesehen. Damit ist aber auch die Position des Auges gegenüber
einer fassadenhaften Wirklichkeit verschoben, d.h. in die Mitte der Dinge
versetzt. Jeder menschliche Körper repräsentiert eine solche
Mitte. Seine Auszeichnung besteht darin, eine existierende, eine gelebte
und leibhafte Reflexivität zu sein, IN DER SICH BLICK und ANBLICK
ÜBERKREUZEN. Die leibhafte Überkreuzung der Blicke lässt
die Betrachtung der WELT VON AUSSEN als möglich erscheinen. Der sehende
Leib, sichtbarer Wirklichkeit zugewandt, ist zugleich sichtbarer Leib
und hat als solcher Anteil an der ALLGEMEINEN SICHTBARKEIT DER DINGE.
Insoweit gehört er der Natur an, kehrt zu ihr zurück', weil
er ihr entstammt. Sein zweiblättriges Wesen, seine doppelte
Zugehörigkeit zur Ordnung der Objekte wie Subjekte macht den Menschen
zum KREUZUNGSPUNKT, zu einer Nahtstelle der Realität.
Aus der Überkreuzung von Auge und Blick überträgt sich
ins Bild mit Sicherheit immer ein Blickhaftes. Es ist selbstverständlich
nicht an die Darstellung von Augen gebunden, es genügt auch eine
abstrakte Spezifik, um das Gefühl der Gegenwart eines Blickes
zu haben.
Dieses Angebot eines Bildes lädt den Betrachter dazu ein, seinen
Blick in diesem Bild zu deponieren, ein Tun, dem der Betrachter die
beruhigende und harmonisierende Wirkung der Bilder zuordnet.. (auch hier
gilt wiederum IMAGO - AMIGO). Doch diese Einladung und Eignung der Bilder
zur Augenweide bedeutet noch keine Erfüllung. Es geht um eine
TÄUSCHUNG, nicht um das Zusammenfallen von Sehen und Gesehenem, sondern
um die Erfahrung des Trugs:
Über das Auge triumphiert der Blick.
In dieser paradoxen Formulierung ist nicht nur die Abspaltung des Blickes
vom Sehen zum Ausdruck gebracht, sondern auch, dass das Verhältnis,
welches das Sehen mit sich selber herstellen kann, nicht seinem Willen
unterliegt, es wird vielmehr gelebt, es geschieht, unter Bedingungen des
Zufalls.
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