Wir leben in einer Welt des Ausdrucks oder der Schöpfung. Dieser
Ausdruck ist nur möglich über ein Ausdrucksmittel, in einer
Welt, in der sich das Ausgedrückte auch wahrnehmen lässt. Die
Ausdrucksmittel, die uns zur Verfügung stehen, sind - wie wir später
noch ausführlich sehen werden - zunächst der Körper, das
Gefühl und der Verstand.
Die Welten, in denen diese Arten des Ausdrucks wahrnehmbar sind, sind
die Welten der ausgedrückten und vollendeten Schöpfung, die
Welten von Materie, Energie, Raum und Zeit. Ausdruck zeigt sich in diesen
Welten immer in Gestalt der Dualität, d.h. es gibt immer zwei
Pole; deshalb Polarität.
Es gibt ohne Dunkel kein Licht, und ohne die Vorstellung des Bösen
gäbe es nicht das Gute und umgekehrt. Diese Dualität des
Bewusstseins drückt sich überall im Leben aus, z.B. in der
Dualität der Geschlechter, in der Polarität des Magnetismus,
in der Polarität des Suchens und Findens, und in unserem Fall in
der Polarität zwischen innerer und äusserer Wirklichkeit.
Eine der Hauptfunktionen des Verstandes ist es, die Situationen und Erfahrungen
des Lebens zu bewerten und einzuordnen. Aufgrund der Zweipoligkeit der
ausgedrückten Schöpfung kann der Verstand, der als wahrnehmendes
Instrument an diese Baumuster des Universums gebunden ist, eine Sache
immer nur in Beziehung zu einer anderen erkennen und einordnen.
Der Verstand kann niemals eine Sache ohne Bezug - also eine Sache Selbst
- betrachten.
Dies ist eine für unser spirituelles Wachstum sehr bedeutende Konsequenz
der Funktionen des Verstandes: Die Werte verselbständigen sich, und
in gleichem Masse tritt eine Identifikation mit diesen Werten auf, die
schliesslich dazu führt, dass wir Dinge als selbstverständlich
betrachten und nicht mehr in der Lage sind, diese "selbst-verständlichen"
Dinge losgelöst in ihrem eigentlichen Seinszustand wahrzunehmen.
Unser gesamtes Kritikvermögen läuft dadurch ins Leere, da das,
was vielleicht einer kritischen Betrachtung unterzogen werden müsste,
gar nicht erst wahrgenommen wird.
Die für das spirituelle Erkennen so grundlegende Fähigkeit des
Verstandes, die inneren Zustände auszudrücken und sie über
die Beurteilung wahrzunehmen, wird dadurch gleichzeitig für uns zu
dem grössten Hindernis und zu der grössten Herausforderung auf
unserem Weg zum Selbst. Der Verstand selbst zeigt damit eine duale Eigenschaft:
Er ist doppeldeutig in dem Sinne, dass er unserem Bewusstsein nutzt und
es gleichzeitig auch behindert. Die Kunst des Selbst liegt in der
Balance dieser beiden Aspekte. Die Kunst des Selbst liegt in der Balance
sämtlicher ausgedrückter Aspekte des Seins.
Diese duale Eigenschaft des Verstandes entscheidet auch massgeblich über
unser eigenes Selbstbild.